Geschichte/Chronik

Auf dem Weg zu Partnerschaft, Gleichberechtigung und Integration.
Ziel: Inklusion.

Vor hundert und mehr Jahren haben nur hörende Personen für gehörlose Menschen – man nannte sie Taubstumme – gearbeitet. Das war in Schaffhausen wie in den übrigen Kantonen einfach so. Erst viel später übernahmen gehörlose Schaffhauser Aufgaben und Verantwortung.

In verdienstvoller Weise hat Heinrich Beglinger, Archivar des SGV (Schaffhauser Gehörlosen Verein) die Geschichte der Schaffhauser Taubstummen und Gehörlosen von 1907 bis 1999 zusammengestellt. Er stützte sich dabei auf folgende drei Quellen:

  • Quellenbuch zur «Geschichte des Schweizerischen Taubstummenwesens» von Eugen Sutermeister,
  • Gehörlosenzeitung
  • verschiedene Jahresberichte des Schweizerischen Fürsorgevereins für Taubstumme und der kirchlichen Taubstummenpflege und in der Folge des Schaffhauser Fürsorgevereins für Taubstumme sowie der Gesellschaft der Gehörlosen Schaffhausen.

 

1. Gründung der kirchlichen Taubstummenpflege in Schaffhausen

1907
Pfarrer A. Klingenberg
in Dörflingen ermittelt mit einer Umfrage die Anzahl taubstummer Menschen im Kanton Schaffhausen. Resultat total 61 jugendliche und erwachsene Taubstumme.

Am 15. Juli 1907 konstituiert sich eine «Kommission für kirchliche Taubstummenpflege», der Pfarrer David Bremi, Buch, als erster Präsident vorsitzt. Er ist der Enkel des gehörlosen Naturforscher Johann Jakob Bremi von Zürich. Der Kommission setzte sich wie folgt zusammen:

Vorsitz: Pfarrer David Bremi, Buch; Aktuar: Pfarrer A. Klingenberg; Kassier: Thedor Beck, Waisenvater in Schaffhausen, ehemaliger Taubstummlehrer).

1908
Die «Kirchliche Taubstummenpflege» bekommt ein neues Kommissionmitglied: Frau Pfarrerin Mathilde Stuckert, Schaffhausen.

1910
Jedes Vierteljahr findet in Schaffhausen ein Taubstummengottesdienst statt. Der Pfarrer macht auch Hausbesuche bei Taubstummen. Einmal im Jahr wird ein Gottesdienst für alle Taubstummen im ganzen Kanton gehalten.

Im gleichen Jahr gründet Frau Pfarrerin Stuckert einen Arbeitskreis für die Unterstützung der Taubstummen. Alle 14 Tagen treffen sich hörende Frauen, um Weihnachtsgeschenke für die Taubstummen vorzubereiten: Schürzen und Bettjacken für Frauen, Socken für Männer.

Der Vorsitzende der Kommission, Pfarrer Bremi, wird nach Zürich berufen und zieht Ende Jahr – mit dem besten Dank für seine geleistete Pionierarbeit – aus Schaffhausen weg. Sein Nachfolger im Taubstummen-Predigtamt wird Pfarrer Hermann Stamm in Schleitheim.

Zum Vorstand der «Kirchlichen Taubstummenpflege» gehören nun: Präsident: Pfarrer Klingenberg, Dörflingen; Kassier: Waisenvater Beck; Aktuar: Fabrikant Rudolf Jezler, alle drei in Schaffhausen, Frau Pfarrerin Stuckert und, neu: Pfarrer Stamm, Schleitheim, Gehörlosenseelsorger.

 

2. Von der Taubstummenpflege zum Fürsorgeverein

1911
wird in Olten der Schweizerische Fürsorgeverein für Taubstumme gegründet. Im gleichen Jahr schliesst sich die «Kirchliche Taubstummenpflege Schaffhausen» dem Fürsorgeverein als kantonales Subkomitee an (wie dies auch in andern Kantonen so ist). Vorstand: wie bisher.

1915
Die «Kommission für kirchliche Taubstummenpflege» gibt sich einen neuen Namen: Schaffhauser Fürsorgeverein für Taubstumme. Dies vor allem auf Vorschlag von Eugen Sutermeister. Vorstand: wie bisher.

1916
Rückblick auf 10 Jahre Vereinstätigkeit. Sie wird in aller Stille gefeiert. Pfarrer Klingenberg tritt Ende Jahr aus dem Fürsorgeverein aus, um sich dem neuen Schwerhörigenverband «Hephataverein» zu widmen (‚Hephata‘ geht zurück auf ein aramäisches Wort und bedeutet Tue dich auf. Nach Mk. 7,34 sagte Jesus dieses Wort zu einem Mann, der taub und stumm war, um ihn zu heilen.). An seine Stelle tritt Pfarrer Keller, Siblingen und übernimmt das Amt des Aktuars. Präsident des Vereins wird Rudolf Jezler-Kern, bisher Aktuar.

1921
Es werden neue Vorstandsmitglieder gefunden. Die neue Zusammensetzung: Präsident: Rudolf Jezler-Kern, Schaffhausen; Aktuarin: Frau Emma Fröhlich, Schaffhausen; Kassier: Franz Jezler, Schaffhausen; Frau Pfarrer Mathilde Stuckert, Schaffhausen; Pfarrer Hermann Stamm, Taubstummprediger, Schleitheim.

1937
Nach Rudolf Jezler-Kern übernimmt der Schaffhauser Lehrer Johann Meister-Auer das Präsidium des Fürsorgevereins. Unter seiner 23 Jahre dauernden Präsidentschaft tut der Verein sehr viel zu Fortbildung der Gehörlosen: Vorträge, Fortbildungskurse, Ausflüge und vieles mehr.

1941
Wegen des Krieges hat der Fürsorgeverein nur noch wenig Geld und kann den Gehörlosen an Weihnachten nur noch kleine Geschenke machen.

1944
Frau Pfr. Stuckert stirbt nach fast 40 Jahren Mitarbeit im Komitee (Vorstand) des Fürsorgevereins Schaffhausen. Sie hat all diese Jahre immer die Weihnachtsbescherung für die Taubstummen organisiert und dafür auch Geld gesammelt. Sie war Mitbegründerin der kirchlichen Taubstummenpflege im Jahr 1907. Ihre Nachfolgerin im Vorstand wurde Frau Vetsch-Keller (SVG 1944).

1945
Pfarrer Stamm tritt als Taubstummprediger zurück, verbleibt aber im Vorstand. Nachfolger als Taubstummpfarrer wird Pfarrer Walter Grimmer von Schaffhausen. Vorstand: Johann Meister, Präsident; Pfarrer Hermann Stamm; Frau A. Vetsch-Keller; Frau R. Bohnenblust, Fürsorgeverein Pro Infirmis; Pfarrer Walter Grimmer.

1946
Vorstand: Johann Meister, Präsident; Pfarrer Grimmer, Frau A. Vetsch-Keller, Frau M. R. Schnyder, Fürsorgerin Pro Infirmis; Pfarrer H. Stamm.

1947
Der Verein darf auf 40 Jahre seines Bestehens zurückblicken.

1953
Pfarrer Grimmer zieht weg nach Zürich, hält aber auf Wunsch der Gehörlosen weiterhin die Taubstummen-Gottesdienste in Schaffhausen.

1954
Tod von Pfarrer Stamm, Schleitheim. Er war von 1910 bis 1945 Gehörlosenpfarrer im Kanton Schaffhausen. Ebenfalls: Tod von Pfarrer Grimmer. Nachfolger als Taubstummenpfarrer wird Pfarrer Samuel Schmid von Feuerthalen.

1960
Johann Meister
tritt am 13. Mai 1960 nach 23 Jahren als Präsident des Fürsorgevereins zurück. Unter seiner Präsidentschaft hat der Fürsorgeverein sehr viel zur Fortbildung der Gehörlosen getan: Vorträge (unter anderen von Direktor Ammann, St. Gallen), Fortbildungskurse mit Herrn Hintermann (Taubstummlehrer in Zürich), Ausflüge, Besichtigungen und vieles mehr. Zum neuen Präsidenten wurde Herr R. Steiger gewählt. Pfarrer Schmid zieht weg von Schaffhausen. Sein Nachfolger als Gehörlosenpfarrer wird Pfarrer Silvio Ammann, Löhningen.

1961
Erstmals kann der Verein Subventionen von der neugeschaffenen Invalidenversicherung für seine Bildungsangebote zugunsten der Gehörlosen beziehen.

1962
Frau Vreni Hiltbrunner
wird als Mitarbeiterin erwähnt, ist später im Vorstand anzutreffen.

1965
«Die Bestrebungen, unseren Verein für Gehörlose selbstständig zu machen mit einem Vorstand aus ihren Reihen, scheinen festgefahren zu sein. Teils Unvermögen, teils Neid und Missgunst in den eigenen Reihen spielen offenbar ihr Unwesen und verhinderen damit den jetzigen Präsidenten und dessen Beisitzerin zum längst gewollten gemeinsamen Abtreten» (SVG-Jahresbericht 1965).

1966
Schaffhauser Gehörlose gründen den «Gehörlosenverein Schaffhausen» mit den Zielen: „Gehörlose helfen Gehörlosen» und «Gehörlose tragen Verantwortung». Als erster gehörloser Präsident des Gehörlosenvereins Schaffhausen wird Hans Hermann-Gantenbein gewählt.

1967
Wegzug von Pfarrer Silvio Ammann. Nachfolger als Gehörlosenpfarrer wird Spitalpfarrer Walter Gasser. Kassierin ist Frau Hiltbrunner. Im Vorstand ist auch ein Herr Vetsch.

1970
Pfarrer Walter Gasser
wird anstelle von Herrn Steiger Präsident des Fürsorgevereins Schaffhausen. Herr Steiger bleibt weiterhin im Vorstand.

1979
Pfarrer Walter Gasser gibt das Präsidium ab. Nachfolger wird am 1. März Herr W. A. Sünwoldt von Schaffhausen. Die gehörlose Frau Sofie Meister zieht um ins Hirzelheim nach Regensberg.

1981
Nach dem «Jahr der Behinderten» (UNO-Jahr) hat der Fürsorgeverein für Taubstummenhilfe entschieden, das gehörlose Ehepaar, Hans und Berta
Hermann-Gantenbein, in den Vorstand aufzunehmen. Diese beiden waren
die erste gehörlosen Vorstandsmitglieder!

1982
Pfarrer Walter Gasser wird pensioniert und tritt auf 31. Juli als Gehörlosenpfarrer zurück. Ab 1. August übernimmt Pfarrer Gerhard Blocher, Hallau, diesen Dienst, zuerst ad interim und nachher bis auf weiteres.

Der Fürsorgeverein ändert seinen Namen heisst neu «Schaffhauser Verein für Gehörlosenhilfe». Präsident Sünwoldt tritt zurück. Kassierin Olga Schwaninger leitet vorübergehend das Präsidium. Pfarrer Gerhard Blocher, Hallau, übernimmt als Gehörlosenpfarrer den Dienst.

1983
Das Besucher-Team im Verein, Frau Mayer und Frau Tenger, möchten zurücktreten.

1984
Ein neuer Präsident wird gefunden in der Person von Werner Scheuermeister, Schaffhausen.

1986 bis 1990
Im SVG-Jahresbericht finden sich keine Beiträge über den Schaffhauser Verein für Gehörlosenhilfe.

 

3. Auf dem Weg zu Partnerschaft, Gleichberechtigung und Integration

1990
wird Pfarrer Gerhard Blocher, Hallau, neuer Präsident des Vereins für Gehörlose.

1991
Im Verein wird diskutiert über eine engere Zusammenarbeit mit dem Gehörlosenverein. Neu in den Vorstand kommt Dr. Kaspar Büchi.

1992
Die Zusammenarbeit mit dem Gehörlosenverein wird intensiviert. Ein Umdenken über die Bedürfnisse der Gehörlosen, ihre Eigenständigkeit und ihr Mitspracherecht findet statt.

1993
August 1993, Generalversammlung: Vier Mitglieder treten aus dem Vorstand zurück: Verena Hiltbrunner (Mitarbeit seit 1949), Hans und Berta Hermann-Gantenbein und Frau Elsa Graf. Neu in den Vorstand treten: Christa Ramella, Roland Hermann und Hans Martin Keller. Der Vorstand sieht nun wie folgt aus:

Präsident: Pfarrer Gerhard Blocher; Aktuar: Dr. Kaspar Büchi; Kassierin: Olga Schwaninger (alle hörend); Roland Hermann, Hans Martin Keller (beide gehörlos) und Christa Ramella (schwerhörig). Somit hat der Vorstand mit drei Hörenden und drei Gehörlosen ein schönes Gleichgewicht.

1994
Seit drei Jahren wurde über eine engere Zusammenarbeit zwischen dem Verein für Gehörlosenhilfe und dem Gehörlosenverein Schaffhausen häufig diskutiert. Ein Umdenken über die Bedürfnisse der Gehörlosen, ihre Eigenständigkeit und ihr Mitspracherecht wurde ernstgenommen.

Am 26. November ist es soweit: Zusammenschluss der beiden Vereine zum neuen Verein unter dem Namen: «Gesellschaft der Gehörlosen Schaffhausen» (GGS), gültig ab 1. Januar 1995. Im Vorstand amtieren vier Gehörlose, eine Schwerhörige und zwei Hörende (Präsident und Aktuar). Der hörende Präsident, Gerhard Blocher, ist für eine Übergangs- und Einführungszeit gedacht.

1999
Am 17. April wird Hans Martin Keller (gehörlos) neuer Präsident der Gesellschaft der Gehörlosen Schaffhausen als Nachfolger von Pfarrer Gerhard Blocher. Gerhard Blocher bleibt weiter im Vorstand. Christa Ramella tritt aus dem Vorstand zurück. Kassier wird neu Stephan Kuhn.

Pfarrer Gerhard Blocher wird pensioniert. Sein Nachfolger im Gehörlosenpfarramt wird Pfarrer Achim Menges, St.Gallen. Die Gehörlosenseelsorge Schaffhausen wird dem Gehörlosenpfarramt St. Gallen - Appenzell - Glarus - Thurgau - Graubünden zugefügt.

Vorstand seit 1999

Hans Martin Keller: Präsident (gehörlos)
Roland Hermann: Vizepräsident (gehörlos)
Dr. Kaspar Büchi: Aktuar (hörend)
Stephan Kuhn: Kassier (gehörlos)
Margrit A. Bernath: Beisitzerin (gehörlos, gest.3. Juli 2001)
Pfarrer Gerhard Blocher, Beisitzer (hörend, gest.28. Dezember 2016)
Manuela Tomasevic, Beisitzerin (gehörlos)


Statuten

Ziel der GGS ist unter anderen, die Gehörlosen des Kantons Schaffhausen und seiner Umgebung im Verständnis in ihrer eigenen Kultur und insbesondere ihrer Sprache zu fördern.


Höhepunkt oder Durchbruch …

Fusion der beiden Vereine, siehe SGB Nachrichten 1995 / 37


Aktivitäten

  • Monatliche Treffen, Seniorentreffen im Monat zweimal
  • Vorträge über Politik, Gesundheitswesen, Informationen und Kultur
  • Spielabende, Jassen, Kegeln, Minigolf, Grillfest
  • Besichtigungen, Ausflüge
  • Gottesdienste

 

Mitgliedschaften

Ÿ   Schweiz. Gehörlosenbund

  • Verband für das Gehörlosenwesen

Wunsch

Der Präsident wünscht eine Offenheit und eine gute Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Mitgliedern sowie eine bessere Verbindung der Gehörlosenvereine in der Schweiz mittels Netzwerk.

 

Sorgen

Wie viele andere Vereine hat auch die GGS Sorgen. Keines ihrer Mitglieder ist unter 30 Jahren. Junge Menschen zum Mitmachen und zur Mitverantwortung zu führen ist heutzutage sehr schwierig. Das noch junge Gesetz zur Förderung von Menschen mit einer Behinderung (Behinderten-Gesetz) sowie das neue Verständnis der breiten Bevölkerung gegenüber Behinderten führt zu Integration und bereits teilweise auch zu Inklusion.

 

Freude und Bewunderung

Als ältestes und treuestes Mitglied kennt die Gehörlosenbewegung Schaffhausen Frau Ida Meier-Mali. Sie erblindete im Alter von 28 Jahren. Ganze zehn Augenoperationen machte sie durch, mit wenig Erfolg. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie in Beringen, wo sie am 10. November 2004 starb.

Sie war über 55 Jahre im Gehörlosenverein Schaffhausen dabei und trat dann in den Gehörlosenverein Schaffhausen über. Sie war bei allen Veranstaltungen wie Gottesdiensten, Ausflügen und Feierlichkeiten anwesend. Leider schränkte sie ein Schenkelhalsbruch in ihrer Mobilität ein. So konnte sie nicht mehr so aktiv im Verein mitmachen, blieb aber voll Interesse für das Geschehen. Sie erlebte während ihrer Vereinszeit sechs Präsidenten und zehn Pfarrer; mit ihnen allen unterhielt sie beste Kontakte.

 

2000 – 20XX

Die Geschichte der Jahre seit dem Jahrtausendwechsel ist noch nicht aufgezeichnet. Sie wird gelegentlich nachvollzogen werden.

 

Kontakt

Verein Gesellschaft der Gehörlosen Schaffhausen
8200 Schaffhausen
Manuela Tomasevic, Vizepräsidentin